Es wird ihnen noch wie Schuppen von den Augen fallen, so viel kann ich ihnen verheissen. Wir werden auch aus ihnen noch einen richtigen Reformierten machen. Und nun zu den unangemessenen Zwischenrufen: Ich weiss natürlich, dass ihr alle noch ein wenig Kind seid, doch ich ermahne euch, werdet erwachsen. Die Buhrufe gehören nicht in diesen Hörsaal und später schon gar nicht in die Kirche. Wir Theologen haben, ohne Emotionen akademisch zu argumentieren. Wenn uns dies gelingt, umgibt uns dies mit der Aura des Unantastbaren. Das solltet ihr euch merken. Wir sind eine absolut souveräne und überlegen Spezies Mensch, denn wir alle vertreten Christus auf Erden und sind Träger seines Heiligen Geistes.“ Der aufmüpfige Student denkt sich nur noch, dem ist nicht mehr zu helfen, der hat womöglich einen Gottkomplex. Nur ein einziger anderer Student wagt es, noch eine kritische Frage zu stellen und dieser hält sich in schon fast übertriebener Weise an den akademischen Verhaltenskodex. Er fragt den Redner: „Hochverehrter oberster Reformierter, es gibt da eine Frage, welche mir unter meinen Nägeln brennt. In meiner bescheidenen Unwissenheit glaube ich noch immer, die Bibel stellt ein Absolutismus dar und daher verträgt sie sich nicht mit dem Relativismus, welcher jede absolute Wahrheit verneint. In aller Demut bitte ich sie, mir meinen allfälligen Irrtum diesbezüglich auszuräumen.“ Der Redner, angetan von der offenkundigen Höflichkeit und dem Respekt des Studenten, antwortet: „Ja, seht meine Kinder, auch darin liegt ein weit verbreiteter Irrtum. Ihr werdet noch erkennen ………

Kapitel 18

Der Reformator in „seiner“ Kirche

Während die Immerreichs in München einen nicht gerade erspriesslichen Gottesdienst hinter sich bringen, soll es für den Reformator in Kassel noch dicker kommen. Der Gottesdienst dort endet in einer schon fast handfesten Auseinandersetzung mit einem liberalen und relativistischen Pfaffen, so wird ihn der Martin noch nennen, welcher sich überhaupt nicht davor scheut das Evangelium auszuschütteln bis von der göttlichen Wahrheit darin sozusagen nichts mehr übrigbleibt. Leisten kann er sich diese Dreistigkeit, weil er erstens wie der erweckliche Pfarrer in München nur als Stellvertretung in Kassel waltet und sich daher nicht allzu sehr um die Reaktionen der Kirchgemeinde scheren muss und zweitens diese Kirche in Kassel sich ohnehin dem liberalen Glaubensverständnis verschrieben hat und die ehemals bibeltreuen Kirchgänger grossmehrheitlich gut aufgehoben in den Freikirchen der Gegend weiss.

Vorerst einmal frohgemut macht sich Martin am Sonntagmorgen auf zur Lutherkirche in Kassel und setzt sich dort in eine der vordersten Reihen. Bald einmal beginnt der Gottesdienst mit einem ziemlich eigenartigen Segensgruss, der so gar nicht an die Bibel erinnert. Der Pfarrer begrüsst die Gemeinde mit den Worten: „Der universale Geist des erschaffenen und vom Geist erhaltenen Universums möge Euch, liebe Gemeinde, segnend umarmen und am heutigen Sonntag wärmstens beglücken.“ Der Herr Reformator zieht schon einmal leicht genervt die eine Augenbraue hoch und denkt sich, das könne ja noch heiter werden mit diesem Herrn Pfarrer.

Die Predigt, falls man das Dargebotene überhaupt so nennen möchte, sollte seine schlimmsten Befürch­tungen bestätigen. Der Pfarrer holt zu einer Predigt von kaum vorstellbarer Seichtheit und, schlimmer noch, von gröbsten Verzerrungen biblischer Realitäten aus und beginnt folgendermassen: „Liebe Gemeinde, heute wollen wir von unserem Christus, dem Menschen aller Menschen sprechen …….

Kapitel 21

Luther auf der Reeperbahn

Bald einmal erreichen die beiden diese berüchtigte Strasse Hamburgs, an welcher so manche Absturzorgie stattfindet. Nicht ganz ohne Stolz präsentiert der Max dem Martin die Sündentempel links und rechts der Strasse und beschreibt deren Gewinn für das nächtliche Leben Hamburgs. Nach einiger Zeit fragt der Reformator: „Und was würdest du sagen, wenn ich diese Strasse hier mit ihren Absturzhöhlen den Vorhof zur Hölle nennen täte?“ Max grinst nur und antwortet: „Ich würde dir erklären, dass du Freude und Gewinn des Nachtlebens noch nicht erfasst hättest und wenn dies erst der Vorhof zur Hölle wäre, wie gut müsste dann erst die Hölle selbst sein?“ „Ich sehe schon, dir müsste man das eine oder andere zum Thema Gewinn und Freuden erst noch näherbringen“, gibt Martin gelassen zurück und führt weiter aus, „und es sei dir gesagt, nicht alles was glänzt, ist auch Gold. Es gibt allerlei Dinge auf Erden, welche nach Vergnügen und Gewinn aussehen und am Ende doch nur Schaden sind. Man kann oder muss fast diese Strasse Sündenmeile nennen und die Sünde hat der liebe Gott dem Menschen zur Ablehnung empfohlen, weil sie ihm schadet. Eine alte Weisheit aus fernen Tagen hätte ich dir dazu auch noch anzubieten: Ohne Gott sucht man Freude, wo keine ist.“ „Nah sieh an, jetzt beginnt mein Martin noch zu predigen. Das passt so gar nicht zu einem Steampunk, denn die haben keine hochstehende Moral und die scheren sich nicht um die Sünde. Wie kommst du also dazu, zu moralisieren?“, fragt Max. Martin erinnert ihn daran, dass er eben kein Steampunk mit Freude am Retro Look wäre, sondern mit seinen, für irdische Begriffe, altmodischen himmlischen Kleidern kürzlich aus dem Himmel gefallen wäre. Max biegt sich wieder vor Lachen und meint, diese Himmelsgeschichte könne der Himmelsmann ja heute Abend noch so manchem zu dessen Amüsement erzählen und fügt an: „Spätestens, wenn der ganze Kiez besoffen ist, kommen solche Geschichten recht gut an.“ Martin schüttelt lächelnd den Kopf und seufzt innerlich. Er wird heute wohl besonderen himmlischen Beistand brauchen ……….

Die Fortsetzung findet der geneigte Leser im Buchshop: BoD.ch  oder  BoD.de

Viel Spass beim Lesen der restlichen Geschichte wünscht der Autor.