Die Gottlosigkeit des Landes hätte euch weggefressen wie die Katze die Maus. Ihr mögt es vielleicht noch nicht glauben, doch es gibt bereits Gegenden in der Schweiz, wo sich unsere Kirche aus Steuern nicht mehr finanzieren lässt und wir die Pfarrer auf Betteltour schicken müssen, um bei einem selbst auf das Minimum reduzierten Programm, noch gerade so knapp finanziell über die Runden zu kommen. Bald einmal werden wir deren Löhne auf das unanständige Niveau der Prediger unserer Freikirchen kürzen müssen und wenn es noch schlimmer kommt, werden unsere Pfarrer Werktags einer gewöhnlichen Arbeit nachgehen und als Freizeit­geistliche am Sonntag in der fast leeren Kirche ihre Predigten halten. Es besteht Handlungsbedarf meine Damen und Herren! Da können sie noch lange erstaunt aus der Wäsche schauen. Wir gehören zu einer aussterbenden Rasse und jeder hier der glaubt, er könnte sich mit seinem Theologiestudium einen gut bezahlten, krisensicheren Job angeln, wird dereinst womöglich vom totalen Zerfall der Kirche kalt erwischt werden. Wir sind dazu aufgerufen mit allen Mitteln, und ich wiederhole mit allen Mitteln, gegen die Irrelevanz unserer Kirche vorzugehen! Dazu dürfen die Mittel gerne auch unpopulär sein und falls nötig sogar durchaus unbiblisch. Wir haben unsere Kirche auszustauben, die alten Zöpfe über Bord zu werfen und diese Kirche zu erneuern, um sie ganz gemäss dem Zeitgeist im Volk ins einundzwanzigste Jahrhundert zu führen. Dabei dürfen wir vor gar nichts zurückschrecken. Und falls bei einem von Euch auch nur die leisesten Zweifel aufkommen sollten, so sei er daran erinnert, unser Gott vergibt gerne! Da können wir uns auch die eine oder andere geistliche Entgleisung leisten und als Ausrede wird uns gelten: Wir haben nur das Beste getan, um eine irrelevante Kirche vor dem sicheren Untergang zu bewahren. Jesus selbst hat sich da und dort nicht an die gängigen Regeln gehalten und gerne Grenzen überschritten, da kann er uns ja wohl nicht tadeln für unsere Grenzüberschreitungen. Wir haben dem Liberalismus und dem Relativismus das Wort zu reden, denn diese Lehren sind modern und kommen beim Volk gut an. Die allenfalls leichten oder auch schweren Widersprüche zum Evangelium werden wir geschickt vom Tisch wischen, so dass es der ungebildete Bürger kaum bemerkt. Ich hoffe sie erkennen den Ernst der Lage: Es geht um das nackte Überleben und da macht man sich schon auch mal die Hände schmutzig! Ein Leben ohne Sünde hat es noch nie gegeben. Schaut euch die ersten Apostel und deren krumme Touren an. Ein Petrus zum Beispiel hat seinen Herrn verleugnet, wo dies gerade opportun war und das hat ihm kein bisschen geschadet. Er wird in der Bibel sogar der Fels genannt, auf welchen Christus seine Kirche baut. Eine unglaubliche Ehre für einen Feigling und Lügner. Daher sage ich: Es braucht keine Skrupel in unserer Kirche! Wir tun, was nötig ist zum Überleben! Und glauben sie mir eins: Wir werden dereinst dafür gerühmt werden, wie heute ein Petrus! So viel fürs Erste zu meinem Erneuerungsaufruf. Mir ist durchaus klar, dass ich noch lange nicht jeden hier überzeugt habe und daher beantworte ich gerne die Fragen der Zweifler, denn es scheint mir von höchster Wichtigkeit zu sein, euch alle zu überzeugen. Abweichler werden uns schwächen und ich würde es fast wagen zu sagen, diese müssten wir bald einmal ganz konkret, als unsere Feinde betrachten.

Diese sollten wir aus Sicht der Bibel zwar lieben, doch es wird uns dennoch niemand daran hindern, sie aus der Kirche zu drängen. Ich habe mich jetzt noch zurückhaltend ausgedrückt, denn lieber hätte ich gesagt, sie aus der Kirche zu werfen. Nun, wir wollen zu euren Fragen kommen. Man möge diese angemessen im akademischen Sinne und dem dazu gehörenden Ton vortragen.“

Zögernd hebt einer der Studenten die Hand und der Redner erteilt ihm selbstsicher und gönnerhaft das Wort. Der Student merkt in Bezug auf den Petrus an, der hätte ja schon seinen Verrat an Jesus bereuen müssen, um zum Felsen für die Kirche zu werden. Der Redner dazu: „Ja, freilich musste der Petrus bereuen, denn sonst wäre er nicht zum Felsen der Kirche geworden. Doch bereuen, das können sie mir glauben, tut jeder erst nach dem Sündigen und so wollen wir es auch halten. Sobald unser Ziel, der Erhalt der Kirche, erreicht ist, werden wir unsere krummen Touren vor Christus bereuen und damit ist alles wieder in Butter. Also nur keine falsche Scham, ich habe es gesagt, Christus vergibt gerne.“ Ein anderer, weit weniger zögerlich, hält nun seine Hand hoch und wird zur Wortäusserung zugelassen. Dieser sagt nun, durchaus leicht genervt und mit unverhohlener Verachtung in der Stimme: „Nun hören sie mal, sie oberster Reformierter: Es steht geschrieben, wir würden alle vor den Richterstuhl Christi treten und für vorsätzliche Sünde würde kein Opfer übrigbleiben. Mit ihrer Haltung werden sie wunderbar zur Hölle fahren und dabei nicht wenige Verführte mitreissen.“ Nun stockt dem Redner ganz kurz das Herz, doch sein selbstsicherer Glaube an die Vergebung Christ fängt ihn schnell wieder auf. Er tadelt den Studenten mit den Worten: „Ich habe angemahnt, akademisch zu diskutieren und daher muss ich ihre unverhohlene Verachtung rügen. Diese gehört sich nicht für angehende Geistliche. Wollen sie dereinst so mit ihren Schäfchen verfahren, wenn diese ihnen widersprechen? Nun zu ihrem Einwand: Es sei ihnen vergeben, dass sie Bibelstellen aus dem Zusammenhang reissen und diese auch noch überhöht interpretieren, denn sie sind ja auch erst Student unserer hohen Wissenschaft. Sie werden bis zum Ende des Studiums erfasst haben, dass kein Geistlicher zur Hölle fahren kann, egal wie krumm seine Touren waren. Wir halten hier ja nicht allzu viel von der katholischen Kirche mit ihrem Oberhirten, doch selbst diese Oberhirten werden wir dereinst im Himmelreich antreffen. Also machen sie sich keine Sorgen. Ein Theologe kann unmöglich zur Hölle fahren!“ Der Student dazu, nicht ansatzweise beeindruckt: „Wie hat Jesus so schön zu den Pharisäern gesagt: Ihr seid es, die die Pforte zum Himmel verschliessen, ihr lasst keinen hinein und ihr kommt selbst nicht hinein!“ Nun erschallen Buhrufe der Kommilitonen im Hörsaal und der aufmüpfige Student wird ab dieser Stunde unter diesen noch ein bisschen weniger geliebt sein als zuvor schon. Der Redner zum Einwand: „Einmal mehr reissen sie, als noch ziemlich unwissender Student, eine Bibelstelle aus dem Zusammenhang und daher empfehle ich ihnen, ihre Studien zuerst zu Ende zu bringen und erst danach sich an solche Fragen zu wagen.