Der Martin Luther, verstorben vor einigen hundert Jahren, sitzt im Paradies mit dem Petrus, dem vor bald zweitausend Jahren verstorbenen Felsen der christlichen Kirche, eines schönen Morgens an der gut gedeckten Tafel Christi. Da sagt der Petrus zum Martin: „Wenn du noch immer in deinem Grabe liegen tätest, würdest du dich nicht nur im Grabe umdrehen, wenn du den tiefen Fall deiner reformierten Kirche sehen könntest, nein, du würdest voller Schmerz und Wut umgehend von den Toten auferstehen, um schleunigst zum Rechten zu schauen.“ Der Martin, sich schon lange nicht mehr um irdische Dinge kümmernd, meint gelassen: „Ja, so wüst kann es um diese Kirche doch gar nicht stehen, denn sie entstand schliesslich zu meinen Lebzeiten aus einer gründlichen Reformation meiner damaligen Mutterkirche!“ Darauf der Petrus: „Das mag ja wohl sein, doch das war vor 500 Jahren und du glaubst ja wohl nicht, die Zeit wäre seit damals stehen geblieben? Da unten wurde mächtig gewerkelt und eins kannst du mir glauben, eher selten zum Guten und eher selten im Sinne des Allmächtigen.“ So langsam wird der Martin neugierig und fragt den Petrus: „Ja, was würde ich denn sehen, wenn ich wider Erwarten von den Toten auferstehen täte?“ Der Petrus meint: „Meine Erzählungen wären viel zu schwach, um das Elend auch nur einigermassen akkurat wiederzugeben, da müsstest du schon selbst nachschauen gehen.“ Der Martin beginnt zu überlegen, ob er sich so etwas allenfalls überhaupt antun wolle? Er sagt sich, er hätte es ja ganz gut hier oben im Himmelreich und was würde es ihn angehen, wenn die da unten „seine“ Kirche verludern täten? Da wären nun ja wohl andere zuständig. Doch ein bisschen juckt ihn inzwischen die Frage, was aus der anfangs schon fast glorreichen Reformation geworden sei? Noch bevor er diese Frage zu Ende denken kann, gibt es einen lauten Knall im Himmel und er bricht samt seinem himmlischen Stuhl durch den Boden bei der himmlischen Tafel, wo er eben gerade noch gespiesen hat. Petrus schaut ihm noch interessiert nach, bis er seinen Augen entschwindet. Er denkt sich noch, so etwas hätte es hier oben noch nicht gegeben, da kommt auch schon der Paulus daher und will in Erfahrung bringen, was es mit dem lauten Knall von eben auf sich hat? Der Petrus erklärt, mit leichter Überraschung im Gesicht, der Luther wäre eben gerade durch den Himmelsboden gebrochen und befände sich nun auf dem Weg nach unten zu seiner inzwischen wüst entgleisten Kirche. Der Paulus lässt sich nicht aus der Ruhe bringen und sagt, sich bereits wieder zum Gehen wendend: „Dann wird das wohl seine Richtigkeit haben.“ Inzwischen landet der Martin einigermassen sanft, noch immer auf seinem Himmelsstuhl sitzend, in einem kleinen, hübschen Wäldchen auf einer Lichtung hiernieden auf Erden. Leicht kratzt er sich noch am Kopf und überlegt sich, ob dies nun tatsächlich der vollkommene Wille Gottes sein könnte, dass er nun nochmals kurz oder auch länger über diese Erde wandeln müsste? Doch, was soll‘s, er ist nun einmal hier und hat das Beste daraus zu machen. So viel hatte er schon während seinem ersten irdischen Dasein verstanden und warum sollte er es nun anders halten?
Vorerst stellt sich ihm ein erstes praktisches Problem: Wohin soll er mit diesem für diese Erde so unpassenden Himmelsstuhl? Nicht nur, dass ihn der Erstbeste, welcher ihn finden könnte widerrechtlich für möglichst viel Gewinn verscherbeln täte, nein, er denkt auch schon an die Rückreise und überlegt sich, ob er dazu den Stuhl allenfalls noch brauchen würde? Sicherheitshalber versteckt er den Stuhl gut unter einigen kleinen Tannen und deckt ihn gründlich mit Reisig zu. Nun schaut er an sich hinunter und begutachtet seine himmlischen Kleider. Er denkt sich, zum Glück hätte er in seiner klösterlichen Bescheidenheit die einfachsten der dort oben erhältlichen Kleider ausgesucht. Mit diesen sollte er hier unten durchkommen, wenn er damit für irdische Verhältnisse auch aussehen würde wie ein Staatsoberhaupt. Dennoch überlegt er sich, ob seine Kleider nicht doch zum Schaden seiner Mission werden könnten oder vielleicht doch eher ein Gewinn indem sie ihm da und dort Türen öffneten? So werweisst er, während er forschen Schrittes das Wäldchen verlässt.
Er gelangt schon bald einmal zu einer breiten Strasse aus äusserst ebenmässigem, grauem Material. Er zeigt sich ziemlich beeindruckt von der Qualität der Fahrbahn und denkt zurück an seine blauen Flecken am Hintern nach ein paar Stunden Fahrt auf den damals reichlich holprigen Wegen. Noch während er die Fahrbahn begutachtet rauscht fast lautlos eine weisse, ziemlich niedrige Kutsche ohne Pferde an ihm vorbei. Dabei erschrickt er gerade ein bisschen. Nicht nur, weil er fürchtet beinahe umgefahren worden zu sein, nein, sondern auch aufgrund des horrenden Tempos der Kutsche. Damals in alten Zeiten wurde es ihm schon fast schwindlig, wenn die Pferde durchgingen, doch das war ja gar nichts verglichen mit dem Tempo dieser modernen Kutsche.
Martin geht frohgemut weiter und überlegt sich, wo seine geistliche Reise fürs Erste hinführen soll? Wittenberg geht ihm dabei selbstverständlich durch den Kopf, diesen Ort kennt er ja noch aus früheren Zeiten. Oder sollte er direkt nach Rom gehen und zuerst einmal schauen, was aus der Kirche seiner geistlichen Wurzeln wurde? Auch dahin zieht es ihn ein bisschen, doch er hat schon noch in Erinnerung, dass ihm diese Kirche damals viele schwere Stunden bereitet und sich gar sein möglichst baldiges Versterben gewünscht hatte. Doch weil ein Himmelsbürger nicht nachtragend sein kann, könnte er sich auch ein Reislein nach Rom vorstellen. Ihm wird jedoch bei diesen seinen Gedanken schmerzlich bewusst, dass er eigentlich keine Ahnung hat, wo er sich gerade befindet? Nun, das wäre wohl, als erstes herauszufinden. Er geht entspannt und gut gelaunt weiter, in der Annahme, er werde schon bald einmal auf ein Dorf treffen. Während er so vor sich hin geht, nähert sich von hinten wieder eine der fast unhörbaren Kutschen, wenn diese auch ein wenig mehr Geräusche von sich gibt als die Erste. Diesmal rast sie nicht an ihm vorbei, sondern fährt im Schritttempo neben ihm her.