Lautlos lässt der Kutschenführer ein Fenster auf der dem Luther zugewandten Seite herunter und spricht ihn an: „Woher des Weges, sie edler Herr? Sie sehen fast aus, wie ein ehemaliger Adeliger, doch es überrascht, dass sie zu Fuss unterwegs sind.“ Martin überlegt fieberhaft, wie er diesem freundlichen Herrn antworten sollte? Soll er diesem nun einfach die pure Wahrheit auftischen oder müsste er seine Herkunft geschickt verschleiern? Da meldet sich eine warnende Stimme in seinem Hinterkopf zu Wort: „Es steht geschrieben, du sollst nicht lügen. Eure Rede sei ja, ja, nein, nein und alles andere ist vom Argen.“ Erschrocken denkt sich Martin, wie kann man nur die göttlichen Regeln zurück auf Erden so schnell vergessen, obwohl man schon fast 500 Jahre im Himmel war? Das müsste wohl am schlechten geistlichen Klima auf Erden liegen, folgert er. Noch kurz zögert er, doch dann erklärt er dem Kutschenführer: „Ich bin vor wenigen Stunden aus dem Himmel gefallen und habe die Aufgabe, mich auf dieser Erde etwas umzuschauen.“ Der Kutschenführer muss herzlich lachen und glaubt ihm natürlich kein Wort. Er sagt zum Martin: „Die Geschichte hört sich gut an, da will ich mehr davon hören. Wenn sie wollen können sie gerne einsteigen und ein Stück mitfahren.“ Dieser überlegt sich, ob eine Fahrt in einer rasenden Kutsche ihn allenfalls überfordern könnte, denn zu seinen Lebzeiten auf Erden ging alles gemächlicher von Statten und im Himmel hat man sowieso keine Eile, denn dort hat man bekanntlich für alles eine Ewigkeit lang Zeit. Doch ein grosses Risiko kann es ja wohl nicht sein, mit der Kutsche und dem freundlichen Kutschenführer mitzufahren, denn eigentlich sollte er nun ja wohl unsterblich sein, überlegt er sich und daher könnte er wohl auch nach einem wüsten Unfall einfach aussteigen und seine Reise gemütlich zu Fuss weiterführen. Also willigt er ein und setzt sich neben den Kutschenführer auf den Kutscherbock. Mit der Zeit wird er noch lernen, dass es für diese Dinge inzwischen neue Wortschöpfungen gibt und die eine oder andere wird er übernehmen. Der Fahrer will nun wissen, wohin ihn sein Weg führen soll? Martin antwortet ihm, das wäre noch ziemlich offen. Rom oder Wittenberg wären im Moment gerade so seine Favoriten. „Und wie kommen sie gerade auf Rom oder Wittenberg“, will der Fahrer wissen? Martin antwortet: „Auf meiner letzten Reise vor 500 Jahren sass in Rom der Höchste der Kirche zu welcher ich gehörte und in Wittenberg ging ich zur Schule.“ Darauf der Fahrer: „Sie waren also Katholik damals?“ Der Luther dazu: „Nur anfangs, bis mir die Augen geöffnet wurden und ich mit dieser Kirche in vielem nicht mehr einig ging. Da wurde ich zum Reformator und habe wüst auf den Tisch geklopft.“ Nun wird der Fahrer leicht hellhörig. Mit diesem frommen Zeugs hat er ja zwar nicht viel am Hut, doch ein bisschen Weisheit hat er in Kirchen schon gefunden und es könnte ja sein, dass dieser angeblich aus dem Himmel Gefallene tatsächlich von hoher Berufung wäre und über etwas Weisheit verfügen täte, von welcher man etwas lernen könnte? Aus irgendeinem Grund hat er ja wohl auch so eigenartig adelige Kleider an.

So direkt will er noch nicht nach dessen vielleicht gar königlichen Herkunft fragen und daher erkundigt er sich zuerst einmal geschickt nach dem Namen des Fahrgastes. Er räuspert sich und meint: „Es würde sich ja eigentlich gehören, dass man sich mit Namen vorstellt. Ich heisse Heinrich Immerreich und besitze ein kleines Firmenimperium. Wie ist denn ihr Name?“ Sein Stolz auf seine Leistungen lässt es ihm nicht zu, den Nachsatz mit dem Wink auf sein Imperium wegzulassen. Der Fahrgast antwortet nun höflich: „Mein Name ist Martin Luther, geboren am 10. November 1483 in Eisleben und verstorben am 18. Februar 1546 an selber Stätte.“ Mehr muss ich dazu noch nicht sagen, denkt er sich, denn selbst, wenn man mit frommem Zeugs nicht viel am Hut hat, sollte man mich wohl dennoch kennen. Der Fahrer, leicht zweifelnd, dazu: „So, so, sie sind also der Luther von damals, welcher der katholischen Kirche mächtig Ärger bereitete?“ Nicht ganz ohne Stolz nickt der Luther selbstzufrieden. Wieder hört er die mahnende Stimme im Kopf, welche ihn diesmal an den Wert der Demut erinnert. Er reisst sich zusammen und gibt zu, dass damals selbst bei ihm nicht alles Gold war, was glänzte. Sie fahren eine Zeit lang sprachlos dahin. Der Herr Immerreich muss zuerst einmal verkraften, womöglich den auferstandenen Martin Luther neben sich sitzen zu haben und dieser grübelt an seinem Mangel an Demut herum. Er schaut dabei, im schon bald abendlichen Sonnenschein, aus dem Fenster in die Landschaft hinaus. Nach einiger Zeit des Schweigens sagt der Herr Immerreich: „Eigentlich weiss ich noch immer nicht, wohin ihre Reise führen soll. Ich für meinen Teil bin unterwegs nach München zu einer meiner Firmen. Dort stellen wir diese edlen Kutschen her, in welcher wir gerade unterwegs sind.“ Stolz klopft er neben dem Lenkrad auf das Armaturenbrett. Der Luther fragt erstaunt nach: „Ihr nennt eure Gefährte tatsächlich noch immer Kutschen? Da hat sich im Sprachgebrauch der letzten 500 Jahre offenbar nicht viel getan. Somit werde ich wohl gut zurechtkommen in dieser Zeit.“ Der Fahrer lacht herzlich und sagt: „Dies war jetzt eigentlich mehr eine scherzhafte Bezeichnung für unser Fahrzeug, um Heimatgefühle bei meinem Mitreisenden aus dem Mittelalter zu wecken. Umgangssprachlich nennen wir unsere Fahrzeuge manchmal noch so, doch eigentlich nennen wir sie heute Automobile.“ Der Reformator denkt etwas verschämt, da könnte es doch noch schwierig werden mit der Sprache und merkt sich schon mal den neu aufgeschnappten Ausdruck. Zum Ziel der Reise von Herr Immerreich meint Luther, das würde schon passen, denn er hätte Zeit und müsste diese für ihn neue Welt ausgiebig kennen lernen. Der Herr Immerreich räuspert sich und schlägt dem Martin zögerlich, aber dennoch selbstsicher klingend, folgendes vor: „Ich werde heute Abend in einem edlen Hotel, früher auch Herberge genannt, in München übernachten und würde sie gerne als meinen Gast einladen. Für einen Gast von ihrem Format dürfte das Hotel gerade noch hinkommen.“