Gezögert hat er, weil er sich doch ganz leicht vor der Vorstellung fürchtet, sein Fahrgast könnte tatsächlich der, aktuell aus dem Himmel gefallene, Reformator Martin Luther von damals sein. So wäre er der erste auf Erden, welcher einer alten kirchlichen Grösse nach dessen Auferstehung begegnet wäre. Und wie genau sollte man mit einer solchen Grösse umgehen, was wäre für einen königlichen Abgesandten aus dem Himmel angemessen? Auch wenn er bekanntlich nicht viel übrig hat für all dies fromme Zeugs auf Erden, so hat er doch immerhin einen gewissen Respekt vor der Vorstellung, er könnte einen aus dem Jenseits neben sich haben. Martin nimmt das Angebot dankend an, denn er denkt sich, dies könne nur vom Himmel gefügt sein. In seiner himmlischen Leichtigkeit hat er sich noch gar keine Gedanken dazu gemacht, wie er auf seiner neuerlichen Reise auf Erden überhaupt durchkommen könnte? Es war ja schon damals zu seiner Zeit im Mittelalter so, dass man mit allem Geld machte, was man zu Geld machen konnte, inklusive den verlorenen Seelen und er ahnt schon, dies könnte sich nicht zum Besseren gewandelt haben. Er würde also auf die himmlische Führung und Gnade angewiesen sein und allenfalls auf seine leicht majestätischen Kleider, welche ihm da und dort vielleicht eine Tür öffnen könnten, um hier unten gut über die Runden zu kommen. Das Angebot des Herren Immerreich ermutigt ihn ungemein und er denkt sich frohgemut, er würde sich hier unten in seinen feinen Gewändern schon erfolgreich durchmausern. Nun will der Herr Luther wissen, wo er denn eigentlich bei seinem Fall aus dem Himmel gelandet wäre und fragt seinen grosszügigen Begleiter, wo er ihn denn aufgegabelt hätte? Dieser meint ………
Nach kurzer Zeit taucht der angekündigte Taxifahrer vor der Fabrik auf und erkennt durch die von Herrn Immerreich erhalten Beschreibung seinen ungewöhnlichen Fahrgast auf den ersten Blick. Galant öffnet er hinten rechts die Tür seines Wagens und lässt den Herrn Luther einsteigen, natürlich ohne zu wissen, einen Gast aus dem Jenseits vor sich zu haben, denn der Herr Immerreich hat ihn einmal mehr als Gast aus fernem Lande beschrieben. Der Reformator fragt sich, warum er hinten einsteigen muss? Bei seiner ersten Fahrt war es ihm vergönnt, vorne zu sitzen und diese seine aktuelle Sitzposition verbessert die Sicht bei einer Stadtrundfahrt ja nicht wirklich. Sagen tut er nichts, dies verbietet ihm seine himmlische Höflichkeit. Der Fahrer fährt los und verkündet, er werde ihm nun innerhalb eines Nachmittags ganz München zeigen. Sie fahren kreuz und quer durch die Stadt und eifrig zeigt ihm der Fahrer die vorhandenen Sehenswürdigkeiten. Da und dort steigen sie kurz aus zur näheren Betrachtung eines Bauwerks oder eines Parks. Der Reisende aus der Vergangenheit sieht dabei jede Menge Menschen vertieft in Selbstgespräche.
So langsam fragt er sich, was es damit wohl auf sich hat? Daher spricht er seinen Fahrer darauf an: „Jetzt müssen sie mir einmal erklären, was die Leute hier im Sitzen, Gehen oder Liegen denn dauernd zu quatschen haben. Sind diese Selbstgespräche eine neue philosophische Disziplin oder, ich wage es fast nicht zu fragen, handelt es sich dabei um eine Art Wahnsinn?“ Der Fahrer lächelt etwas irritiert und erklärt: „Die telefonieren alle, das heissst sie führen Ferngespräche mit anderen Leuten. Die sprechen nicht mit sich selbst. Kennt man denn so etwas nicht in ihrem Land?“ Diesmal hat Martin keine grosse Lust, wieder seine ganze Geschichte auszubreiten ………
……. Bald einmal taucht die Fabrik des Heinrichs in der Ferne auf und um genau neunzehn Uhr parkt der Taxifahrer vor dem Haupteingang des Bürotraktes. Einmal mehr klopft er sich innerlich auf die Schulter und lobt vor sich selbst sein unbestechliches Timing. Freundlich verabschiedet er sich von seinem Gast und macht sich nach gelungenem und durch Herrn Immerreich gut bezahlten Nachmittag auf zu seinen langsamen Abendnachrichten. Schon nach kurzer Zeit taucht die Sekretärin des Herrn Immerreich auf und klärt den Martin Luther bezüglich des weiteren Verlaufes des Abends auf. Sie meint, ein bisschen müsste er sich noch gedulden, denn der Herr Immerreich wäre mit den wichtigen Dingen des Tages noch nicht ganz zum Ende gekommen. In einer halben Stunde sollte sich sein Tageswerk jedoch erledigt haben und dann würde er sich wieder ganz ihm, als seinem Gast, widmen können. Der Reformator bedankt sich herzlich für die Information und versinkt in Gedanken zu Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Derweilen ereignen sich eigenartige Dinge anderorts.
So ungefähr im selben Zeitraum, wo der Martin Luther aus dem Himmel fällt, hält einer der obersten Reformierten der Schweiz eine feurige Erneuerungsrede an einer theologischen Fakultät. Dies hört sich in etwa so an: „Liebe Studenten und angehende Theologen, wir wissen alle, dass unsere reformierte Kirche in der Schweiz sozusagen in einer tiefen Sinnkrise steckt. Unsere Kirchenbänke werden leerer und leerer, das Evangelium in unserem Land wird leichter und leichter, bald einmal wird es so leicht sein, dass es sich wie Helium zum Himmel erhebt und nie wieder zurückkehrt. Volk, Staat und Wirtschaft pfeifen inzwischen auf das Wort Gottes und glauben ganz gut auf das Evangelium, den Gott der Bibel und den Christus verzichten zu können. Nicht nur, dass deren Seelen dereinst alle zur Hölle fahren werden, nein, weit schlimmer, viel früher wird unsere Kirche untergehen und sollte dies geschehen, wären eure Studien hier im wahrsten Sinne für die Katz gewesen.